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Bibliographische Angaben zur Publikation

Erfahrungen: Schwerhörigkeit - an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit - Cochlear Implant


Autor/in:

Hecht, Annemarie


Herausgeber/in:

Deutscher Schwerhörigenbund e.V. (DSB)


Quelle:

DSBreport, 2000, Heft 3, Seite 16, Solingen: Kornel Mierau, ISSN: 0172-7753


Jahr:

2000



Abstract:


Ich wollte anderen beweisen, dass ich trotz Hörschädigung leistungsfähig bin und setzte meine ganze Kraft für den Beruf ein. Ich wirkte auf meine Mitmenschen nervös, verunsichert und manchmal nicht ansprechbar.

In unserer Familie bin ich seit Generationen diejenige, die von Schwerhörigkeit betroffen ist. Erbanlagen können vorhanden sein, sie müssen aber nicht zum Ausbruch kommen. Auf alle Fälle erlitt ich bei einem elektrischen Unfall als 12-jähriges Mädchen einen Hörsturz, der nicht behandelt wurde. Erst mit 18 konsultierte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen HNO-Arzt. So wurde 1961 bereits Innenohrschwerhörigkeit diagnostiziert. Trotzdem hielt ich an meinem Berufswunsch fest; 20 Jahre arbeitete ich als Lehrerin beziehungsweise Erzieherin. 1965 erhielt ich mein erstes Hörgerät (in der DDR wurde ich nur auf einem Ohr versorgt, da Hörgeräte nur für Devisen eingekauft wurden). 1971 bekam ich von der HNO-Klinik Greifswald ein dänisches Taschengerät. Mit ihm kam ich gut zurecht. Nach der Geburt meiner drei Kinder, durch Berufstress und Anderes, verschlechterte sich mein Hörvermögen. Ein Arzt sagte mir einmal: Bei einer Krankheit wird immer das schwächste Organ eines Menschen in Mitleidenschaft gezogen. - In meinem Fall waren es nun für immer die Ohren.

Ich litt in meinem Leben sehr darunter. Erst mit dem Vereinsleben - zunächst durch die Mitgliedschaft im GSV (Gehörlosen- und Schwerhörigen-Verband der DDR) ab 1984 und jetzt im DSB - nahm ich meine Schwerhörigkeit mehr an. Trotzdem gab es in meinem Leben immer wieder Situationen, in denen ich mich absolut nicht dazu bekannte. Ich wollte anderen beweisen, dass ich trotz Hörschädigung leistungsfähig bin und setze meine ganze Kraft für den Beruf ein. Das ging mitunter über meine Kraft. 1980 war ich bereits an Taubheit grenzend schwerhörig. Ich wurde berufsunfähig. Gesundheitlich ging es mit teilweise nicht mehr gut. Psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Gliederschmerzen belasteten mich. Ohne die Unterstützung der Familie und Kollegen hätte ich schon eher meinen Beruf (ich habe sehr gerne mit Kindern gearbeitet) aufgeben müssen. So wurde ich berufsunfähig (ohne Rente) und begann meine Tätigkeit in einem Museum. Auch diese Arbeitsstelle erforderte den Einsatz meiner ganzen Persönlichkeit und auch hier hielt ich es nur mit der Unterstützung meiner Familie und guter Bekannter, darunter einige Betroffene, aus. Zehn Jahre bin ich täglich mit dem Rad und Zug beziehungsweise Bus 17 km zur Arbeit gefahren. Ich möchte aber diese Jahre in der Schule, im Kinderheim, Schulhort und Museum nicht missen.

Die Wende 1989/90 brachte mir neue Hörgeräte, erstmals für beide Ohren! Trotzdem fehlten mir die hellen Töne. Telefonieren konnte ich nie. Im Museum stand mir ein Schwerhörigen-Telefon zur Verfügung. Von zehn Worten verstand ich vier. Das war zu wenig, um zu kombinieren. Darüber war ich wieder sehr traurig. Ein Telefon erleichtert die Arbeit; für mich bedeutete der Verzicht darauf viel Mehrarbeit. Mitunter war ich überfordert. Ich wirke auf meine Mitmenschen nervös, verunsichert und manchmal nicht ansprechbar. Nachts durchzuschlafen wurde zum Problem. Mit der Wende standen für das Museum weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Mein Arbeitsplatz war nicht mehr sicher. So stellte ich 1991 einen Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente, der befürwortet wurde. Psychisch ging es mir danach besser. Nun hatte ich zum ersten Mal Zeit für mich, meine Familie und meine Hobbys.

Mehrmals war ich Teilnehmerin der Absehkurse in Frankfurt am Main. Der erste Kurs bedeutete Schwerstarbeit. Inzwischen verfügte ich über Absehfähigkeiten. Auch digitale Hörgeräte konnte die fehlende Töne nicht ausgleichen. 1997 entschloss ich mich nach positivem Ergebnis der Voruntersuchungen für ein CI. Erst in den 90er Jahren wurden auch hochgradig Schwerhörige auf ihren Wunsch hin mit einem CI versorgt. Als zweite Patientin wurde ich am 3. April 1997 an der Universität Greifswald operiert. Ich opferte eine Haarhälfte. Bei der Anpassung des Sprachprozessors (SP) stellte sich heraus, dass die Referenzelektrode defekt war. Deshalb war es notwendig, dass ich am 1. Juli 1997 ein zweites Mal (Universitätsklinik Würzburg) operiert wurde. Ich verdanke es der HNO-Klinik Greifswald, dass ich ein neues CI bekam. Die anschließende Rehabilitation in Greifswald war für mich die 'schwerste Schule meines Lebens'. Die Logopädin hatte viel Geduld mit mir. Es erfolgten mehrmals Anpassungen des SPs. Erst nach einem halben Jahr mit dem CI zeigten sich Fortschritte. Obwohl ich noch Hörtraining in Greifswald habe (einmal im Monat), kann ich stolz darauf sein, dass ich erstmals telefonieren kann.

Auch mit CI bleibe ich hörbehindert. Für mich war es der richtige Zeitpunkt für die CI-Operation. Nun testet man zur Zeit das schnurlose CI. Ich möchte das HdO-Gerät bald ausprobieren. Mit CI und Hörgerät lebe ich jetzt besser. Ohne Hörtraining wäre ich nicht so weit. Nur so erreichte ich, dass ich jetzt besser verstehe.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Menschen mit Hörbehinderung am Arbeitsplatz | REHADAT-Gute Praxis




Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


DSBreport
Das Erscheinen der Zeitschrift wurde 2010 eingestellt.
Homepage: https://www.schwerhoerigen-netz.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0129/0033


Informationsstand: 18.01.2001

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